Wie wird man akustischer Karikaturist?

Eine liebevolle Mutter denkt zurück an die Kindheit ihres Sohnes und erinnert sich an seine ersten Gehversuche als Stimmenimitator:

„Ja, er war schon ein spezieller Bub, der kleine Peter. Schon damals war das Fernsehen ein wichtiger Teil seines Lebens. Häufig übernahm er quasi selbst die Funktion des TV-Gerätes: Er schaltete es auf stumm und sprach die Monologe und Dialoge zu den Bildern gleich alle selbst. Skirennen faszinierten ihn besonders. Mal für Mal schlüpfte er in die Rolle der Reporter. Oft konnte man sich vor Lachen kaum halten. Alle hörten fasziniert zu und waren bereits damals voll vor Bewunderung: Satzbau, Sprech-Rhythmus und Tonalität einiger der kopierten TV-Stars waren den Originalen schon sehr, sehr ähnlich.

Doch damit nicht genug!

Peter war oftmals ungehalten, dass nicht den ganzen Tag Skirennen im Fernsehen gezeigt wurden. Was lag da für meinen pfiffigen Sohn näher, als eigene Skirennen zu organisieren, ja sogar selbst am Rennen teilzunehmen- präziser gesagt: 40 Mal die Rennstrecke zu absolvieren! 40 Mal, aber immer mit einer andern fiktiven Startnummer. Was dann noch fehlte zur kompletten TV- Life-Sendung mit höchstens zwei Zuschauern waren die Sportreporter. Dabei konnte der kleine Peter schon aus dem Vollen schöpfen: Einige Kommentatoren aus Oesterreich und der Schweiz hatte er ja bereits in seinem Repertoire. Sie können es mir glauben: Da war was los in unserer Wohnung! Zimmer, Treppen und Flure des Hauses wurden kurzerhand zur Rennstrecke umfunktioniert. Der Start des „Lauberhorn- Rennens“ erfolgte beispielsweise im Elternschlafzimmer. In Windeseile ging es am Zimmer der Schwester vorbei, dann weiter durch seine eigenen vier Wände, wobei die Teppichmuster als fiktive Torstangen dienten. Es folgte eine scharfe Rechtskurve Richtung Treppe, und danach gings mit einem gigantischen Sprung über die hauseigenen „Kamelbuckel“. Der „Petersprung“ führte immerhin über ganze fünf Treppenstufen und endete meist ohne Blessuren. Befand ich mich bei seinen fulminanten und teils akrobatischen Sprüngen dummerweise im Flur, kam es oftmals fast zur Kollision. Auf dem Trocken-Parcours ging es unverdrossen weiter, halsbrecherisch um Salon- und Fernsehtisch herum Richtung Zielschuss. Nochmals mobilisierte er alle Kräfte, um das Ziel in der Küche mit einer möglichst guten Zeit zu erreichen – die er notabene selbst festlegte. Das gesamte Rennen absolvierte er durchschnittlich jeweils wohl zwischen 40 und 50 Mal – so viele Rennläufer waren ja auf der Startliste – und sprach gleichzeitig den Kommentar dazu, genau wie seine berühmten Vorbilder in der viereckigen Fernsehkiste.

Im Zielraum folgten gleich die Interviews mit den Rennläufern. Oft sass ich auf der Veranda und lauschte gebannt seinen Gesprächen mit Matthias Hüppi, Pirmin Zurbriggen, Peter Müller und Co. Manchmal glaubte ich gar, ich hätte vergessen, den Fernseher auszuschalten. Dabei war es doch nur wieder einmal der Peter, der gerade das Ziel in der Küche erreicht hatte und auf Stimmenfang ging.

Auch wenn bei uns damals herzhaft über Peter gelacht werden konnte, etwas ärgerte mich manchmal doch sehr: Die grosse Unordnung, die er mit seinem ungewöhnlichen Hobby anrichtete. Besonders wenn ich kurz vorher das Haus blitzblank geputzt hatte, regte es mich schon auf, wenn Teppiche, Läufer und Bettdecken nicht mehr da waren, wo sie sein sollten. Aber lange konnte ich dem Peterli eben nie böse sein. Wie Mütter halt so sind!…

Und heute? Heute bin ich natürlich mächtig stolz auf meinen Sohn!“

Sie haben es sicher gemerkt: Die Frau, die hier erzählt, ist meine Mutter und der kleine Peter war ich. Und ich kann es ehrlich gesagt bis heute kaum glauben, dass ich mir bei meinen spektakulären Sprüngen im Haus nie ein Bein gebrochen habe.

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